Das philosophische Fundament der Architektur.

Ein Gedankenversuch mit Spinoza.

Wenn wir einen Raum betreten, nehmen wir ihn nicht nur mit den Augen wahr. Wir spüren seine Temperatur, hören seinen Klang und fühlen seine Proportionen. Gleichzeitig entstehen Gedanken, Erinnerungen und Emotionen. Wie gehören diese körperlichen und geistigen Erfahrungen zusammen?

Gemaltes Porträt von Baruch de Spinoza mit dunklem Gewand und weissem Kragen
Baruch de Spinoza, um 1665.Unbekannter Künstler. Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel / Wikimedia Commons, gemeinfrei.

Zwei Vorstellungen von einer Welt.

René Descartes unterscheidet Geist und Körper als grundsätzlich verschiedene Arten des Seins. Der Geist denkt und gehört zum Bereich des Psychischen. Der Körper nimmt Raum ein und gehört zum Bereich des Physischen. Beide sind im Menschen eng verbunden, bleiben in ihrer grundlegenden Natur jedoch verschieden. Diese Auffassung wird als Dualismus bezeichnet.

Baruch de Spinoza versteht diesen Zusammenhang anders. Für ihn gehören Denken und Körperlichkeit derselben Wirklichkeit an. Es sind keine getrennten Welten, die erst miteinander verbunden werden müssen. Wir können sie unterscheiden, ohne sie voneinander loszulösen. Diese Auffassung wird als Monismus bezeichnet.

Der Unterschied liegt also tiefer als in der Frage, wie wir mit unserer Umwelt umgehen. Er betrifft vielmehr die Vorstellung davon, was wir selbst sind: denkende Wesen mit einem grundsätzlich andersartigen Körper – oder Wesen, deren Denken und Körper Ausdruck derselben Natur sind.

Spinozas Vorstellung entspricht meinem eigenen Empfinden. Mensch, Gebäude und Umgebung lassen sich nicht unabhängig voneinander verstehen. Daraus ergibt sich eine Frage, die mich als Architekten beschäftigt: Wie verändert sich unser Entwerfen und Bauen, wenn dieser Gedanke am Ausgangspunkt steht?

Die Grundlage des Entwerfens.

Ein Gebäude beginnt als Idee im Kopf. Wir zeichnen Pläne und vergleichen Varianten. Danach wird der Entwurf gebaut. Dieser Ablauf legt eine Trennung nahe: hier die geistige Idee, dort ihre materielle Umsetzung.

Die faktische Trennung zwischen Planung und Ausführung begründet noch keine philosophische Haltung. Sie führt aber zu einer grundlegenden Frage: Verstehen wir den Entwurf als geistige Vorstellung, die dem Ort eine Form gibt? Oder entsteht diese Vorstellung bereits aus unserer körperlichen Erfahrung, der Begegnung mit dem Ort sowie dem Austausch mit den Menschen?

Versteht sich der Architekt als unabhängiger Schöpfer oder als feinfühliger Katalysator, der Beziehungen erkennt und durch seine Gestaltung verändert und steuert?

Hier setzt der Gedankenversuch an, den philosophischen Sockel der Architektur auszutauschen. Damit meine ich das Selbstverständnis, auf dem unser Entwerfen beruht. Ich gehe von einer gemeinsamen Wirklichkeit aus, zu der die Vorstellung ebenso gehört wie das Gebäude selbst, seine Bewohner und seine Umwelt. Der Architekt gestaltet innerhalb dieser Zusammenhänge und wird selbst durch sie geprägt.

Spinoza als sitzende Bronzefigur auf einem steinernen Sockel in Den Haag
Spinoza-Denkmal am Paviljoensgracht in Den Haag, 1880.Skulptur: Frédéric Hexamer. Foto: Wikifrits, 2009 / Wikimedia Commons, Public Domain.

Eine Frage mit Vorläufern.

Die Kritik an dualistischen Vorstellungen in der westlichen Architektur ist nicht neu. Der japanische Architekt Kishō Kurokawa beschäftigte sich bereits in den 1980er Jahren mit einer Architektur der Symbiose. Er suchte nach einem Zusammenleben unterschiedlicher Kräfte und Lebensweisen. Architektur beschrieb er als etwas, das mit seiner Umgebung in Wechselwirkung steht und sich über die Zeit verändert.

Sein buddhistisch geprägter Ansatz hat andere Grundlagen als Spinozas Philosophie. Trotzdem begegnet uns eine verwandte Frage: Betrachten wir Architektur, Mensch und Umwelt getrennt oder verstehen wir sie aus ihren Beziehungen zueinander?

Eine zeitgenössische Verbindung zwischen Spinoza und Architektur entwickelt Gökhan Kodalak. In seinem Aufsatz «Spinoza’s affective aesthetics» beschreibt er das Entwerfen als ein Geschehen, an dem Menschen, Materialien, Werkzeuge und Umgebung mitwirken. Der Architekt ist darin kein unabhängiger Urheber, der allein eine passive Welt formt. Er ist selbst Teil der Beziehungen, aus denen der Entwurf entsteht. Kodalak entwickelt damit eine eigene Lesart von Spinozas Philosophie. Eine fertige Architekturtheorie hat Spinoza nicht hinterlassen.

Was sich dadurch verschiebt.

Für meine Arbeit folgt daraus, zunächst die vorhandenen Beziehungen zu erkunden. Wie wird ein Gebäude genutzt? Welche Qualitäten bringt der Ort mit? Was brauchen die Menschen, um sich entfalten zu können? Aus Beobachtungen, Gesprächen und dem Vergleich von Varianten entwickelt sich der Entwurf. Die Form entsteht im Verlauf der Auseinandersetzung mit diesen Gegebenheiten.

Auch Planung und Ausführung bleiben miteinander verbunden. Materialkenntnis, handwerkliche Erfahrung und die gemeinsame Lösung eines Details führen die Ideen bis in die Ausführung weiter. Was auf der Baustelle geschieht, wirkt auf die Planung zurück. Die Beteiligten bringen dabei unterschiedliche Erfahrungen ein, die sich im entstehenden Projekt ergänzen.

Aus Spinozas Überlegungen lässt sich weder ein bestimmter Grundriss noch die Wahl eines Materials ableiten. Sie verändern aber das Verständnis der eigenen Rolle. Wer gestaltet, greift in Beziehungen ein, zu denen er selbst gehört. Daraus entsteht Verantwortung für die Folgen unserer Entscheidungen, auch wenn wir sie nie vollständig überblicken können.

Den philosophischen Sockel der Architektur auszutauschen bedeutet für mich deshalb, von dieser Zusammengehörigkeit auszugehen. Unsere Vorstellungen und das, was wir bauen, sind Ausdruck derselben Substanz. Architektur gestaltet darin Beziehungen zwischen Menschen, Gebäuden und ihrer Umwelt – mit dem Anspruch, den Menschen zu dienen und sich mit ihrem Leben zu verändern.

Quellen und weiterführende Lektüre